Das unerträglich inflationäre Verteilen von Antisemitismusvorwürfen

18. Februar 2009

Nun beschäftigt sich auch das pro-israelische Online-Portal Hagalil mit der Veranstaltung des GegenStandpunktes, die im Nürnberger Künstlerhaus K4 unter dem Titel “Bomben und Panzer in Gaza : Noch ein Krieg für das unersättliche Existenzrecht Israels” statt fand. Autorin Doris Kalveram, übrigens bekannt für ihre pro-israelischen Artikel und ihre Hetze gegen „die deutsche Linke“ (was immer auch das sein soll), beginnt auch gleich mit einem Antisemitismusvorwurf

„Wer wissen wollte, weshalb eine städtische Einrichtung antisemitische Parolen verbreitet, wurde auf die Geschichte verwiesen.“

Was darauf folgt ist eigentlich nur der (schlechte) Versuch, die Nürnberger Stadtspitze unter Druck zu setzen, Linke Veranstaltungen im K4 zu verbieten. Auf die Veranstalter wird sogar der schlimmste Bann-Spruch ausgesprochen „Hamas-Versteher“. Aufgehängt an einem mehr als dünnen Antisemitismusvorwurf. Als ob das irgendwas in ihre Richtung belegen würde, hängt Frau Kalveram (oder die Hagalil-Redaktion) auch gleich unter ihren Artikel den Werbetext der GegenStandpunkt-Veranstaltung. Auf der Veranstaltung selbst war aber, so weit ich das bis jetzt erkennen konnte, keiner der JournalistInnen die sich nun darüber empören. Muss man aber auch nicht gewesen sein. Um was es wirklich geht, fasst Frau Kalveram sehr schön selbst zusammen:

„Vielleicht hat sich die Nachricht noch nicht in Nürnberg herum gesprochen: Es gehört nicht zum Bildungsauftrag kommunaler Einrichtungen, das Existenzrecht Israels zu diskutieren. Seit 1948 existiert der jüdische Staat – mit dieser Tatsache sollte auch die “Stadt der Menschenrechte” leben können.“

Damit hätten wir dann in Nürnberg folgende Situation: Während Nazis „Schlagt den Roten (manchmal auch „Juden“) die Schädeldecke ein“-singend unter Polizeischutz am K4 vorbeiziehen, darf drinnen keine Kritik am Verhalten des Staates Israels mehr geübt werden.

P.S.: Bescheuerte Kritik am GegenStandpunkt in ähnlicher Richtung gab’s auch schon früher.

Nachtrag: Der Artikel von Doris Kalveram erschien wohl zuerst auf der Homepage Der Jüdischen.

20 Kommentare

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  1. Comment von Lathandir

    Was dabei witzig ist: es gibg ja nicht um das Existenzrecht, sondern, dass hier Israel angeblich seine Existenz schützt. Die abzusprechen komt mir eh nicht in den Sinn. Es geht hier ja nicht darum, Israel abzuschaffen, damit es ein tolles Palästina unter Hamasherrschaft gibt. Sondern: Staaten als schädigende Institutionen per se aufzulösen.

    Insofern ist die antideutsche Losung: „Israel lebe am längsten“ absolut judenfeindlich und antisemitisch, will sie doch Menschen jüdischer Herkunft länger als alle anderen Menschen auf der Welt der gewalt eines Staats und des Kapitals ausliefern will. Die Juden sollen also am längsten geknechtet werden. Was Staat, Nation und Kapital so anrichten, kann man ja überall auf der Welt betrachten. Da kann man als Israeli nur sagen: Danke, ihr (anti-)deutschen Archlöcher.

  2. Comment von kaputt

    Zugegeben, der Artikel von Hagalil ist ziemlicher Müll. Die Ankündigung vom Gegenstandpunkt andererseits zeigt, dass zumindest der Antisemitismusvorwurf nicht ganz unberechtigt ist.

    Den Verweis auf die Nazidemo verstehe ich nicht ganz, soll die jetzt verboten werden, aber die GSP Veranstaltung bei der was über den unersättlichen Juden(staat) und seinen Appetit auf das Land der autochtonen Bevölkerung erzählt wird nicht? Mal wieder ein Staatsappell vom radikalen Kleinbürger?

  3. Comment von unwichtig

    mensch kann die kritik bzw. die formulierung daran als überspitzt bis übertrieben darstellen; aber aussagen wie „Bomben und Panzer in Gaza: Noch ein Krieg für das unersättliche Existenzrecht Israels“ sind definitiver nazi-jargon… ; es wird in genau jenem vortrag wieder das alte bild vom „künstlichen, unersättlichen, kriegerisch-hässlichen judenstaat“ auf der einen seite und dem „recht auf einen völkisch-organischen staat“ auf der anderen seite den mund geredet. denn genau das wollen hamas, pflp und konsorten… nicht eine friedliche existenz der menschen nebeneinander und miteinander, sondern einen „juden-reinen“ staat „palästina“ (welcher übrigens bis in die 70iger von genau den bewegungen abgelehnt wurde, da damals die losung noch war „palästina ist ein teil vom libanon“)… das dies sowohl die jüdische Geschichte der Region negiert wie auch keinerlei emanzipatorisches projekt an sich darstellt, sollte jedem nachdenkenden menschen klar sein…

    Für die Befreiung des Menschen von Religion, sexueller Unterdrückung und „Volkstumskampf“ ! Für den Kommunismus!

  4. Comment von Lathandir

    Woher nimmst Du die Info, dass die PFLP (und du meinst dann sicher auch die DFLP) ein „judenreines“ Palästina haben will? Und was ist daran Nazisperech? ich sehe eine Aussage, die zwar polarisiert, aber in ihr selber kann ich nichts antisemitisches entdecken, wenn da gesagt wird, dass der Staat mittels der rechtfertigung, seine Existenz zu verteidigen, den Xten Krieg vom Zaune bricht. Wo stimmt denn jetzt die Aussage nicht?

  5. Comment von nachdenklich

    „Den Verweis auf die Nazidemo verstehe ich nicht ganz, soll die jetzt verboten werden, aber die GSP Veranstaltung bei der was über den unersättlichen Juden(staat) und seinen Appetit auf das Land der autochtonen Bevölkerung erzählt wird nicht? Mal wieder ein Staatsappell vom radikalen Kleinbürger?“

    Selber Kleinbürger. Wo siehst Du da einen Appell?

  6. Comment von kaputt

    „Damit hätten wir dann in Nürnberg folgende Situation: Während Nazis “Schlagt den Roten (manchmal auch “Juden”) die Schädeldecke ein”-singend unter Polizeischutz am K4 vorbeiziehen, darf drinnen keine Kritik am Verhalten des Staates Israels mehr geübt werden.“
    Ich hatte das jetzt so verstanden, dass das kritisiert wird, bzw dass du dir wünschst die Polizei möge das doch bitte andersherum machen. Falls dem nicht so sein sollte bitte ich vielmals um Entschuldigung. (Der GSP Text bleibt trotzdem dumm)

  7. Comment von pro_kommunismus

    Hier sagt Peter Decker alles Nötige zum Thema Existenzrecht:

    http://stoffwechsel.radio-z.net/media/audio/Streit_keine_staedtischen_Raeume_fuer_ve-2009-02-18.mp3

    Zu den Halluzinationen (oder wie immer man das nennen soll) von „unwichtig“ und „kaputt“ fällt mir auch nichts mehr ein. Immerhin: Nomen est omen.

  8. Comment von narodnik

    Die Kritik die da vorgetragen wird richtet sich doch gegen die philosemitische Öffentlichkeit hierzulande. Denn da wird nicht geprüft, welcher Staat dort mit seinen Gewaltmitteln einen Imperialismus der sich gewaschen hat in die Welt setzt, nein, man bespricht Nahost nur unter der absoluten Prämisse eines >Existenzrechtes des Staates Israelantisemitisch

  9. Comment von nachdenklich

    „Ich hatte das jetzt so verstanden, dass das kritisiert wird, bzw dass du dir wünschst die Polizei möge das doch bitte andersherum machen.“

    Nee, die soll einfach in der Kaserne bleiben.

  10. Pingback von Staatsprogrammkritik unerwünscht « ascetonym

    […] Peter Decker steht dem Stoffwechsel-Magazin von Radio-Z Rede und Antwort zur hier, dort und auch da schon dokumentierten Kontroverse um eine Nürnberger Veranstaltung zum Nahostkonflikt. […]

  11. Comment von lysis

    Motto: Ein kluges Wort und schon bist du Antisemit!

  12. Comment von dissen

    „das dies sowohl die jüdische Geschichte der Region negiert“

    Und wenn’s ne jüdische Geschichte gibt in ner Region gibt, muss da selbstverständlich ein Judenstaat drauf, ähnlich wie bei den Urgermanen und Deutschland, nech? D‘oh!

  13. Comment von Difficult is Easy

    @kaputt:
    „Die Ankündigung vom Gegenstandpunkt andererseits zeigt, dass zumindest der Antisemitismusvorwurf nicht ganz unberechtigt ist.“

    ein nicht ganz unberechtigter vorwurf, so weit so vage. und woran machste das nun fest?

    „Der GSP Text bleibt trotzdem dumm“

    du bleibst dumm. so. und nun? erklär mal weshalb der text dumm ‚bleibt‘.

  14. Comment von Neoprene

    Ich halte es für entweder falsch oder beliebig, wenn pro_kommunismus mit Verweis auf das Radio-Z-Stetement sagt „Hier sagt Peter Decker alles Nötige zum Thema Existenzrecht“. Dann hätte auch die Präsentation bei dieser oder jeder anderen Veranstaltung zum Thema in der letzten Zeit so kurz gehalten werden können, wenn mehr nicht „nötig“ wäre. Wie sich leicht nachhören läßt, wird der Standpunkt des GegenStandpunkt zum Thema aber regelmäßig doch etwas ausholender dargelegt. Manchmal so ausführlich und eindringlich, wie von Heinz Scholler in Tübingen am 21.1.09, daß dem Publikum fast völlig die Spucke weg bleibt. Ob das wirklich so fürchterlich zweckdienlich war, wage ich zu bezweifeln.
    Zudem man ja zweierlei Notwendigkeiten anlegen kann, die eine, die die innere Logik der Argumente hinreichend darlegt und die andere, die erst erfüllt ist, wenn der Zweck der Argumentation erfüllt wurde, nämlich die Kritiker und/oder Gegner der eigenen Position zum Thema auch mit dem Vorgebrachten überzeugt zu haben. Zumindest beim zweiten ist ja offensichtlich noch viel nötig.

  15. Comment von pro_kommunismus

    Ich wollte nicht behaupten, dass Peter das Thema damit erschöpfend erklärt hat. Was er aber deutlich macht ist, dass sich der GSP in den lächerlichen Streit pro und kontra Existenzrecht eben nicht einmischt, schon weil er keine Allmachtshalluzinationen hat, sondern weiß, dass das (Existenz-)Recht eines jeden Staates soweit reicht, wie er anderen Staaten seinen Willen mit Gewalt aufzwingen kann.
    Die Juden und Antideutschen sind so sehr begeistert von der Idee, Anhänger einer moralisch berechtigten Staatsgewalt zu sein, dass sie überhaupt keinen Blick mehr für die Realität haben. Fakt ist:
    1. Israel ist so mächtig, dass selbst ehemalige Feindstaaten wie Äqypten sich seinem Sicherheitsinteresse unterordnen. So zu tun, als könnten ein paar Terroristen mit besseren Feuerwerkskörpern eine Atommacht mit 3.500 Panzern und 900 Kampfflugzeugen von der Landkarte fegen, ist einfach nur total absurd.
    2. Genauso aburd ist es, anzunehmen, dass Israels Gewaltmittel allein zu dem Zweck da sind, sich gegen ein paar Katjuschas zu verteidigen. Israels Rechtsansprüche als regionale Ordnungsmacht gehen weit über die Herrschaft in Judäa hinaus. Aus diesem Grund unterstützen die USA auch Israel militärisch, wohl kaum, weil die sich sonst nicht gegen Hamas wehren könnten. Frau Clinton würde sich wahrscheinlich totlachen, wenn ihr jemand erzählen würde, die Rolle Israels im Nahen Osten sei seine Selbstverteidigung.
    3. Jemanden, der sagt, dass er es scheiße findet, dass der STAAT Israel sein Volk als Waffe einsetzt, einen „Antisemiten“ zu nennen, ist boldenlos. Dem sind vor Geifer und Hetze alle Sicherungen durchgebrannt. Wenn „Antisemitismus“ sein Maß darin hätte, was Juden angetan wird, wäre der Staats Israel der aktuell größte Antisemit. Aber für das Wohl der Menschen interessieren sich die Anhänger der israelischen Staatsgewalt eh einen Scheiße, da sind solche Hinweise eh nutzlos. Und überhaupt ist es mehr als raglich, ob sich Debatten mit solchen Fanatikern überhaupt lohnen.

  16. Comment von Oink

    Ein GSPler, der keinen Bock mehr auf Debatte hat? Langsam scheinen sich erste Auflösungserscheinungen bei der Gehirnschneckenpartei einzustellen ;) Ernsthaft: natürlich hat es keinen Sinn mit ADs, Lokalzeitungen und Bürgermeistern zu diskutieren. Dazu wäre ja Diskussionsbereitschaft von deren Seite nötig. Die gibt es aber nicht, statt dessen wird nur gehetzt und verboten. Also wie gehts jetzt weiter von Seiten des GSP, lässt man sich ohne Gegenwehr Auftrittsverbot erteilen?

  17. Comment von lahmacun

    Die Juden und Antideutschen

    pro_komm: kannst du bitte zwischen „die juden“ und „israelis“ unterscheiden; es leben nur ~ 45% der juden in israel, und es ist falsch einen juden ausserhalb von israel, zumal dann, wenn er sich für dieses land nicht sonderlich mehr interessiert als für andere, israel zuzuschlagen. damit machst du implizit das gleiche wie ads, die können da auch nicht differenzieren.

  18. Comment von Karl Heinrich

    1. Mangelnden „Bock auf Debatte“ würde ich prokomms Anmerkungen nicht entnehmen. Eher schon die Empfehlung, Diskussionen dann zu beenden, wenn eine sinnvolle Fortsetzung nicht mehr möglich ist. Und das ist bei dem Thema „Wie hältst du es mit Israel?“ definitiv der Fall. Insofern ist einem entsprechenden Hinweis Peter Deckers am Ende einer Veranstaltung im Oktober 2006, den PK hier noch einmal präsentiert hat, völlig zuzustimmen. Nicht immer ist Moral mit Argumenten zu knacken.

    2. Die Frage ob bzw. wie der GS auf diesen Vorfall reagieren wird, ist nun wirklich keine, die auf einem Blog verhandelt werden sollte. Zum einen, weil mit Sicherheit niemand vom Verlag / Redaktion überhaupt davon Kenntnis haben dürfte. Zum anderen natürlich deshalb, weil es unverantwortlich bescheuert wäre, die eigenen Kalkulationen in aller Öffentlichkeit auszubreiten.

  19. Comment von pro_kommunismus

    Ok, lahmacun, kein Problem, keine Pauschalisierungen, auch wenn sich aus den besagten Kreisen viele Unterstützer Israels rekrutieren.

  20. Comment von lahmacun

    ja, pro_komm, aber auch „diese kreise“ sind nicht „die juden“.

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