Falsches Bewusstsein in der ArbeiterInnenklasse I

2. Oktober 2008

Wie das Nürnberger Lokalblatt Nürnberger Nachrichten „berichtet“, wurde ein „Mitarbeiter der Stadtwacht*“, von einem „21-Jährigen, der keinen festen Wohnsitz in Deutschland hat“ und von dem angeblich bekannt ist, dass er „keine Behinderung hat, sondern lediglich eine Körperbehinderung zur Erlangung von Geld vortäuscht“ mit der Krücke ins Gesicht geschlagen. Freilich erst, nachdem der eifrige Überflüssige in schicker Uniform (s. Bild) den Bettler „aufgefordert“ hatte „sein Verhalten zu unterlassen.“

Stadtwacht Nürnberg

Ein sehr schönes Beispiel für falsches Bewusstsein in der ArbeiterInnenklasse. Nehmen wir mal an, der nahezu zu 100% aus dem Polizeibericht abgeschriebene „Artikel“ hätte damit recht, dass der Bettler seine Behinderung nur vortäuscht (wenn es der ist, den ich meine, macht er das sehr überzeugend), dann fragt sich doch trotzdem: Was geht es den 1-Euro-Jobber an, ob der da bettelt? Die Antwort auf diese Frage ist einfach. Der ehemals Überflüssige ist jetzt Büttel der herrschenden Ordnung, die ihm ein üppiges Auskommen in Form von ALG II und „Würde“ beschert. Er ist etwas „besseres“ als der bettelnde Abschaum und hält deshalb gerne die Straßen sauber vor eben solchem. Anstatt sich um wichtigere und vor allem weniger gefährliche Sachen zu kümmern, wie z.B. Müll aufsammeln, geht der wieder in die Gesellschaft integrierte jedes Risiko ein, um diesen Platz an der Sonne zu verteidigen. Eine Welt der 1-Euro-Jobber kann nur so verteidigt werden. Herzlichen Glückwunsch lieber „49-jährige[r] Mitarbeiter der Norisarbeit“, ab jetzt stehen wir auf verschiedenen Seiten. Aber vielleicht fordere ich Dich auf der Straße auch mal dazu auf, Dein Verhalten zu unterlassen.

*Stadtwacht = Euphemismus für aus 1-Euro-Jobbern bestehende Truppe, die in der Stadt durch herumnörgeln und denunzieren bei der Polizei für Ordnung sorgen soll

6 Kommentare

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  1. Comment von MPunkt

    So ganz ohne inhaltliche Aussage des Ein-Euro-Jobbers muss dessen Motivation doch rein spekulativ bleiben. Ob der den Bettler aufgefordert hat, mit dem Betteln aufzuhören, weil er sich als besseren Teil der Arbeiterklasse sieht, weil er das Staatsbürgerdasein so sehr gefressen hat, dass ihm Recht und Ordnung über alles gehen, oder schlicht, weil er Angst hat, dass ihm Leistungen gekürzt werden, wenn er seinen Ein-Euro-Job nicht ordentlich macht, weißt Du doch gar nicht. Aber es hat ja festzustehen. Wobei Du Angst vor Verlust des ALG IIs und Überheblichkeit gleich noch in eins wirfst. Wie kann der es sich bloß wagen, nicht von noch weniger als 351 EUR + Miete leben zu wollen?

  2. Comment von nachdenklich

    Ach MPunkt, natürlich hast Du irgendwie Recht, aber es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass der 1-Euro-Jobber gleich sanktioniert worden wäre, wenn er den Bettler in Ruhe gelassen hätte.

  3. Comment von edmont dantes

    hm… Ich finde den Beitrag hier eher daneben. Erstens sind nach meinem Kenntnisstand nach Teile der Stadtwacht gar keine 1-€ Jobber sondern fest angestellte Sicherheitsleute. Aber mal abgesehen davon finde ich es nicht in Ordnung, jemandem mit einem gefährlichen Gegenstand ins Gesicht zu schlagen, der nur seinen Job macht. Ich habe mehrere Jahre im Stadtgebiet Nürnberg als Sani gearbeitet und weiss wie ätzend/gefährlich es manchmal sein kann in der Königstraße, der Königstorpassage oder ähnlichen sozialen Brennpunkten arbeiten zu müssen, und das obwohl wir wirklich als friedliche Nichtkombattanten anrücken und keinem was Böses wollen.
    Darüberhinaus finde ich es merkwürdig wie hier die Schuld auf den Stadtwächter umgemünzt wird. Wenn Betteln dort untersagt oder reglemtiert ist und er mit der Kontrolle dieser Regularien beauftragt ist dann tut der Mann wofür er bezahlt wird(ein heutzutage höchst seltenes und nicht unbedingt verdammenswürdiges Phänomen). Wer damit unzufrieden ist sollte sich an das städtische Ordnungsamt wenden, das die Regelungen zu dem Thema aufstellt. Wenn du morgens zum Bäcker gehst und die Dame hinter der Theke weigert sich dir was zu verkaufen, obwohl das ihr Job wäre, würdest du vermutlich in diesem Blog lautstark ihre Entlassung fordern.
    skeptischer gruß
    der graf von monte christo

  4. Comment von nachdenklich

    „Wenn du morgens zum Bäcker gehst und die Dame hinter der Theke weigert sich dir was zu verkaufen, obwohl das ihr Job wäre, würdest du vermutlich in diesem Blog lautstark ihre Entlassung fordern.“

    Nein, ich würde sie mit einem Baguette verprügeln ;-)

  5. Comment von Micha

    Die Stadtwacht darf überhaupt keinen Platzverweis aussprechen sonst handelt es sich hierbei um Amtsanmaßung, § 132 StGB, die mit einer Anzeige geandet werden kann. Der Bettler darf allerdings nicht mit der Krücke ins Gesicht schlagen , sonst handelt es sich hierbei um eine gefährliche Körperverletzung. Allerdings hatte sich der Bettler auf eine eventuelle Nötigung verteidigt und hatte hierbei die Grenzen der Notwehr überschritten.

  6. Comment von Mond

    Die Stadtwacht der Norris Arbeit Nürnberg besteht aus Langzeitarbeitslosen ohne Vorkenntnisse. Die laufen wie die Sheriffs durch die Gegend und spielen sich ganz schön auf. Ich selber habe brüllende Sheriffs gesehen , die andere Bürger zur Sau machen , weil diese Leute nicht vom Fahrrad absteigen. Man sollte diese Stadtwacht auflösen , denn die bringt nur Ärger , kostet dem Steuerzahler Geld und am Ende geht man ohne Qualifikation von dieser Stadtwacht in Hartz4.

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